Leseproben

Die Litauisch und Kurisch sprechen

Heinrich A. Kurschat hat 1968 eine umfangreiche „Heimatkunde eines deutschen Grenzlandes“ geschrieben. Das Buch vom Memelland ist seitdem in mehreren Auflagen erschienen. Der Autor konstatiert eine Eigenart der Memelländer, die er nicht nur auf die 19 Jahre selbstständige Geschichte von 1920 bis 1939 zurückführt. Er geht immer wieder auf das litauische Element im Memelland ein, aber er billigt dem litauischsprachigen Teil der Bevölkerung doch keine „litauische Kultur“ zu. „Der preußische Litauer wurde nicht durch die Übernahme der deutschen Sprache zum Deutschen – er war dies schon viel früher durch die Übernahme der deutschen Kultur geworden.“332 Der litauischsprachige Bewohner Ostpreußens ist also Deutscher. Der Autor hält es da für besser, wenn der Litauer seine Sprache nicht mehr pflegt: „1872/73 wurde endlich der Schulunterricht in litauischer Sprache abgeschafft, da er entbehrlich geworden war.“ Wolfgang Toerner hat Slawische Philologie und Osteuropäische Geschichte studiert. Er stammt aus Königsberg, als Kind hat er im nördlichen Ostpreußen von 1945 bis 1947 dank der Hilfe von Litauern jenseits der Memel überlebt; er kennt die litauische Sicht auf die Geschichte Ostpreußens. Toerner macht in einem Festvortrag Ostpreußen und Litauer – 700 Jahre gemeinsame Geschichte im März 2003 seinen ostpreußischen Landsleuten bei einem Treffen der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit klar, dass man im heutigen Litauen eine eigene litauische Sicht auf die Geschichte des nördlichen Ostpreußen hat. „Dass Preußen ursprünglich von dem baltischen Volk der Prußen besiedelt war, ist gewiss. Nach litauischer Überzeugung zeigen die wenigen erhaltenen Schriften in prußischer Sprache, dass dieses Volk mit den Litauern eng verwandt gewesen sei, enger jedenfalls als heute Litauer und Letten. Daher dränge sich die Annahme auf, dass die in der Neuzeit im nordöstlichen Ostpreußen siedelnden Litauer dort stets auch wohnhaft gewesen sind.“

Für die Litauer ist Preußisch-Litauen ihr „Kleinlitauen“: „Das Gebiet der Litauer im Staate Preußen umfaßte, nach deutschen statistischen Angaben, 9 022 km2 (als Vergleich Schleswig-Holstein: 15 677 km2). Die von Litauern verwendeten statistischen Daten klingen anders, sie sprechen von 17 000 bis 18 000 km2. Ihre Lebensräume seien folgende Flußbecken gewesen: der Unterlauf der Memel, der Mittel- und Oberlauf des Pregel, dann von der Stadt Memel aus bis Goldap/Geldape und von hier die Strecke bis Sventapilis (Heiligenbeil, d.Verf.) am Rande des Aistmeeres (Frisches Haff, d.Verf).

Den Kern Klein-Litauens hätten die Bezirke Tilsit, Ragnit, Insterburg und Labiau gebildet.“ Dazu Toerner: „Nun, die Wahrheit darüber wird auch hier irgendwo in der Mitte gelegen haben.“ Die sprachliche und geographische Nähe der Litauer zu den westbaltischen Prußen führt im Zeitalter des Nationalismus zu einem Streit, ob Teile der baltischen Stämme der Schalauer, Nadrauer und Sudauer im Grenzgebiet zwischen der prußischen und der litauischen Siedlung zu den Litauern zu rechnen seien. Für litauische Nationalisten steht das außer Zweifel; sie begründen damit später die litauischen Forderungen nach der Angliederung ganz Nordostpreußens. Deutsche Forscher stellen nach 1919 die Behauptung auf, die Stämme seien prußisch gewesen und hätten nur in engen Kontakt zu litauischen Stämmen gestanden. Andreas Kossert bemerkt: „Diese Fragen werden sich wohl nicht mehr klären lassen und eine Glaubenssache bleiben.“

Weitgehend unbesiedelte, wildnisartige Gebiete zwischen verschiedenen Stämmen sind in der baltischen Region zur Zeit des Deutschen Ordens normal. Die große „Wildnis“ zwischen den Siedlungen der Stämme der Schalauer, Nadrauer und Sudauer und dem Gebiet der Litauer hat während der ein Jahrhundert andauernden Kriegs führung des Deutschen Ordens gegen die Litauer zugenommen. Kriegszüge sind im Mittelalter mit der Zerstörung des feindlichen Landes verbunden und haben in besonders betroffenen Gebieten eine weitgehende Entvölkerung zur Folge. Mittlerweile scheint gesichert, was lange zwischen deutschen und litauischen Historikern umstritten ist: Die litauische Einwanderung in das preußische Litauen bzw. Kleinlitauen hat erst nach der Christianisierung Litauens im 15. Jahrhundert begonnen. Die Religion erfordert dann keine Abgrenzung der Völker mehr, weil von der Reformation auch die eingewanderten Litauer erfasst und wie ihre deutschen Nachbarn protestantisch werden. „Die deutsche Forschung hat schon längst festgestellt, dass Litauer seit dem Frieden von 1422 eher eingesickert als förmlich eingewandert sind. Diese Einwanderung habe den Charakter einer Landnahme unter Duldung der Obrigkeit gehabt, da neue Steuerzahler willkommen waren. Die einmal sesshaft gewordenen Litauer haben dann, bei ungestörter Bevölkerungsvermehrung, auch Binnenkolonisation betrieben, also selbst wieder gerodet und Siedlungen gegründet.“

Konflikte mit deutschen Siedlern gibt es im späten Mittelalter nicht. Der in Memel geborene Verfassungsrechtler und -historiker Dietmar Willoweit in einem Vortrag bei den Memelländischen Kulturtagen in Düsseldorf im Jahr 2006: „Um diese litauische Siedlungsbewegung zu verstehen, muss man wissen, dass die deutsche Besiedlung des preußischen Ordenslandes nur bis zur Deime, also bis in die Gegend von Labiau und bis Insterburg vorgedrungen war. Das Land östlich davon bis zur litauischen Grenze war, abgesehen von einer Siedlungsinsel um Tilsit und Ragnit, weitgehend menschenleer.“ Litauer lassen sich nur in geringem Umfang in den Städten nieder. Bis zur großen Pest 1709/10 bilden sie dort fast ausschließlich die Landbevölkerung, während die Deutschen vorwiegend in den Städten leben. 1902 stellt der sächsische Gymnasiallehrer und Völkerkundler Fritz Tetzner fest, dass auch in litauischer Umgebung die größeren Städte immer noch fast rein deutschsprachig sind. „Das (…) litauische Sprachgebiet hat einige rein deutsche Inseln; in jeder der drei größeren Städte Tilsit, Memel und Ragnit besteht neben der deutsch-litauischen Landgemeinde eine rein deutsche Stadtgemeinde.“ Toerner beschreibt, dass für heutige Litauer die einst in Ostpreußen lebenden Dichter, Philosophen und die rege litauische Buchproduktion die Lebenskraft einer ursprünglich litauischen Kultur bis ins 20. Jahrhundert beweist. So gäbe es beispielsweise eine Landkarte Ostpreußens, die sämtliche Städte mit litauischen Namen verzeichnet. Nach litauischer Überzeugung seien die Deutschen als Eroberer ins Land gekommen, hätten die einheimische Kultur unterdrückt und eine Fremdherrschaft errichtet. Die Einwanderung der deutschen Siedler sei spät erfolgt, insbesondere durch die Salzburger Protestanten im frühen 18. Jahrhundert. „Zuweilen liest man in Publikationen aus Litauen sogar, dass die ersten Deutschen im Nordosten Preußens erst im 19. Jahrhundert in Erscheinung getreten seien. Nach diesen Vorstellungen muss auch die Geschichte der Stadt Klaipeda (Memel, d. Verf.) von Litauen geprägt gewesen seien.“

Das Geschichtsbild im heutigen Litauen und das des memelländischen Heimatgeschichtlers Kurschat vermittelte – es wurde lange von den Funktionären der Memelländer in der Bundesrepublik vertreten – sind zwei sich ausschließende Sichtweisen. Sie erklären sich aus der jeweiligen Nationalgeschichte; von heutigen Baltisten aus Deutschland und Litauen und jüngeren deutschen Historikern wie Andreas Kossert sind beide nachhaltig korrigiert worden. Kurschat hat sein Buch vom Memelland geschrieben, bevor sich als Folge einer großen Ausstellung 1981 im West-Berliner Martin-Gropius-Bau nach und nach eine neue Sicht auf Preußen durchzusetzen begann. Die Ausstellung Preußen - Versuch einer Bilanz und die sie begleitenden Publikationen haben ein liberales Preußen gezeigt, das fortan nicht mehr auf die Rolle als Vorläufer und Kern eines deutschen Nationalstaats reduziert wurde. Und es wurde wieder ins deutsche Bewusstsein gerufen, dass Preußen bis zu den Einigungskriegen 1864 bis 1871 kein „deutscher“, sondern ein multiethnischer Staat war. Selbst Kurschat berichtet über das 18. Jahrhundert: „Die deutschen Pfarrer mussten die litauische Sprache erlernen und in den Dorfkirchen litauisch predigen. In den später entstehenden Dorfschulen gab es ebenfalls nur litauischen Unterricht. In einer Zeit, der nationalistisches Denken fremd war, in der der König französisch, die Kronprinzessin englisch sprach, erkannte man den Untertan nicht an seiner Sprache, sondern nur an seiner Loyalität. Der Litauer war zum Preußen geworden, ehe er deutsch sprechen lernte.“ So ein Preuße ist nicht zwangsläufig ein Deutscher. Andreas Kossert nennt ein Beispiel für eine aktive multiethnische Politik des preußischen Staates vor der Reichsgründung: „Trotz erster Germanisierungsbestrebungen herrschte in Ostpreußen vorerst noch der multiethnische Konsens. In dieser Tradition erfolgten die Gründungen litauisch- und polnischsprachiger Lehrerseminare, etwa 1811 in Karalene bei Insterburg für litauischsprachige Lehrerkandidaten, dann in Ragnit, Memel und Pillkallen.“ Kossert erinnert daran, dass, während in Ostpreußen über Jahrhunderte auf Litauisch unterrichtet wird, in Russisch-Polen an der Universität Wilna bis 1885 kein Litauisch angeboten wird. Mit der endgültigen Anerkennung der Grenzen des geeinten Deutschlands im Jahr 1990 können deutsche Autoren eine unverblendete Sicht auf die sprachlichen und ethnischen Verhältnisse im Norden Ostpreußen bzw. des Memellandes werfen. Das Eingeständnis von historischen Tatsachen weicht keine Rechtsposition und Ansprüche mehr auf. Wolfgang Toerner relativiert die Nähe der preußischen Litauer zur deutschen Kultur in einem Vortrag im Jahr 2003: „Man muss anerkennen, dass sie ein Leben nach durchaus eigenen Maßstäben geführt haben und daran sehr konservativ festhielten.“ Und Dietmar Willoweit gibt im Jahr 2006 seinen Landsleuten zu bedenken: „Die Frage, ob und in welchem Maße sich die litauischen Einwanderer deutscher Kultur angenähert haben, ist nur mit äußerster Vorsicht zu beantworten.“

Für die Zeit der litauischen Einwanderung um 1525 konstatiert Kurschat: „So kam es, dass innerhalb von kaum zwei Jahrhunderten das nördliche und östliche Ostpreußen eine starke litauische Bevölkerung erhielt, die in den Wildnisbereichen die einzige Bevölkerung überhaupt war. Das Memelland bekam entlang der Grenze eine dichte Reihe von Dörfern, in denen es zunächst keinen einzigen Deutschen gab.“ Fritz Tetzner stellt in seinem 1902 erschienenen Buch Die Slawen in Deutschland, für das er im nördlichen Ostpreußen empirische Erhebungen macht, zur Verbreitung der litauischen Sprache fest: „Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gehörte noch alles Land nördlich vom Pregel bis nach Königsberg hin zum Sprachgebiet; und vom heutigen Regierungsbezirk Gumbinnen die Kreise Darkehmen und Goldap und was nördlich davon lag. Alle und Deime galten als Grenze.“

Ein kurfürstlicher Rezess aus dem Jahr 1638 hält für die Ämter des nördlichen Ostpreußens offiziell fest, dass sie von Litauern besiedelt sind. Historische Quellen nennen eine Sprachgrenze, die über Scharkau, Schacken, Labiau, Wehlau, Nordenburg, Engelstein, Angerburg bis Dubeningken verläuft. Der aus Elbing stammende preußische Historiker Max Toeppen und der deutsche Philologe und Baltist Adalbert Bezzenberger umreißen dagegen ein kleineres litauisches Sprachgebiet. Nach ihrer Ansicht verlief die Sprachgrenze zum Litauischen einst nördlicher von Labiau die Deime entlang, danach den Pregel aufwärts bis zur Alle und hier entlang der Alle und den kleinen Fluss Aschwoene über Nordenburg, Angerburg, Goldap und Dubeningken bis zur Grenze nach Polen-Litauen. Dass heute anerkannt werden muss, dass die kulturelle Assimilation der preußischen Litauer an ihre deutsche Umgebung – wenn und wo überhaupt – erst spät geschehen ist, zeigt sich in der Geschichte der litauischen Literatur – und die beginnt in Ostpreußen. So nimmt es nicht wunder, dass auch im heutigen Litauen die ostpreußische Geschichte zu einem Teil der eigenen Nationalgeschichte erklärt wird. Von 1569 bis 1919 gibt es keinen unabhängigen litauischen Staat. Die katholischen Großlitauer sind erst mit den Polen verbunden, dann dem Russischen Reich zwangseingegliedert. Die protestantischen Kleinlitauer leben südlich einer Grenze, die schon im Jahr 1422 (Frieden von Melnosee) das Preußenland von Litauen trennt. Vom 16. bis zum 20. Jahrhundert ist der litauische Sprachraum politisch und konfessionell zweigeteilt in einen zum Großfürstentum gehörenden größeren und einen kleineren, zum Herzogtum Preußen gehörenden. In beiden entwickeln sich mit der Reformation nicht nur Unterschiede in der Konfessionszugehörigkeit, sondern auch in der Denk- und Lebensweisen.

Die Litauischsprachigen verbindet seit der Reformation wenig mehr als eine gemeinsame Sprache, und diese ist Jahrhunderte lang nicht durch eine Schrift- oder Kanzleisprache genormt. Eine Standardisierung des Litauischen erfolgt durch den vom katholischen Teil Litauens ausgehenden Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts.

Diese Hochsprache ist zu großen Teilen vom in Ostpreußen gesprochenen Litauischen beeinflusst. Herzog Albrecht von Hohenzollern-Ansbach macht das Herzogtum zu einem einflussreichen Zentrum des neuen protestantischen Glaubens im Norden Europas. Sein politischer und konfessioneller Einfluss reicht nicht nur in das gesamte Baltikum, sondern durch seine Heirat mit Dorothea von Holstein-Dänemark im Jahr 1526 auch bis Skandinavien. Die Reformation in Preußen bewirkt, dass die vom Volk gesprochenen Sprachen zu einem der wichtigsten Mittel der Verbreitung der Reformation werden. Herzog Albrecht erteilt Prußen, Litauern und Polen das Privileg, am Königsberger Gymnasium (1541) und an der 1544 gegründeten Königsberger Universität zu studieren.

Um die Forderung Martin Luthers zu erfüllen, das Christentum in der Sprache des Volkes zu predigen, lässt der preußische Herzog für die in seinem Land lebenden Prußen, Litauer, Deutschen und Polen Bücher in deren Muttersprache drucken. Das erste Buch in deutscher Sprache, ein Katechismus, erscheint in Königsberg im Jahre 1524, in polnischer Sprache 1543, in altpreußischer Sprache 1545. Unter Albrechts Regierung wird die Stadt Königsberg zu einer Stätte des Buchdrucks in deutscher, polnischer, litauischer, lettischer und altpreußischer Sprache. Die Mehrheit der überlieferten frühen litauischen Bücher sind kirchliche Texte, die ins Litauische übersetzt wurden. Die ältesten bis jetzt bekannten litauischen Texte sind drei handschriftliche Gebete („Vaterunser“, „Ave Maria“ und „Credo“) auf dem letzten Leerblatt des 1503 in Straßburg edierten Tractatus sacerdotalis von Nicolaus de Blony, die heute im Besitz der Universität Wilna sind. Das erste litauische Buch ist der Katechismus des Martynas Mažvydas348, lateinisiert Martinus Mossuid, gedruckt 1547 in Königsberg.

Die Geschichte der litauischen Drucksprache beginnt im Großfürstentum Litauen fast 50 Jahre später als in Preußen. 1570 wird in Vilnius (Wilna) ein Jesuitenkollegium gegründet, das 1579 zur östlichsten Universität Europas wird. Das erste gedruckte Buch auf Litauisch im Großfürstentum Litauen ist der katholische Katechismus des spanischen Jesuiten Jakob Ledesma, der 1595 in Vilnius in der Übersetzung von Mikalojus Dauksa erscheint. Das erste Wörterbuch übersetzt 1620 litauische Begriffe ins Polnische und Lateinische.

Kristijonas Donelaitis, latinisiert Christian Donalitius, gilt als Begründer der litauischen Nationalliteratur. Mit seinem ausgeprägten Bekenntnis zur litauischen Sprache und seinem bewussten Litauertum ist er dem kulturellen Bewusstsein der Litauer im Großfürstentum Litauen ein Jahrhundert voraus. Der Dichter und Pfarrer Donalitius wird 1714 in Lasdinehlen (Gut Altkrug) bei Gumbinnen als litauischer Preuße geboren. Er ist Sohn eines Freibauern auf eigenem Grund. Von 1732 bis 1737 studiert er mit einem Stipendium am Seminarium Lituanicum der Theologischen Fakultät der Albertina in Königsberg. Deutsch ist die Sprache, in der er sich bildet, als Theologe beherrscht er außerdem Latein und Griechisch. 1740 geht Donalitius als Kantor und Rektor nach Stallupönen. Drei Jahre später übernimmt er die Pfarrstelle in Tollmingkehmen im Nordwesten der Rominter Heide (im späteren Kreis Goldap); beide Kirchspiele werden damals von Deutschen und Litauern bewohnt. Er heiratet die Witwe seines Amtsbruders in Stallupönen, Anna Regina Ohlefant, eine Deutsche. Seinem Nachfolger im Amt in Stallupönen hinterlässt er „Allerley zuverlässige Nachrichten“ über seine ersten Jahre nach dem Studium: „Anno 1740 kam ich als Cantor nach Staluppenen; dieses geschähe mit dem Ende des Julius. Anno 1742 wurde ich daselbst Rector und Ao. 1743 bekam ich die Vocation nach Tolm. vor Pfingsten. Aus Mitleyden gegen die Schuljugend blieb ich in Stalupp. bis an die Hundstage; und den ersten Hundstag ging ich nach Königsberg. Den 17. Oktober wurde ich examiniert; den 21. ordinirt; den 24. November am 24. Sonntag nach Trin. wurde ich in Tolm. introducirt; den 1. Advent trat ich in der alten Kirche mein Amt an. Den 11. Oktob. 1744 heiratete ich. Ich hatte keine Kinder, worüber ich mich immer gefreut habe, denn der Dienst ist mitelmäßig schlecht.“ Pfarrer in Tollmingkehmen bleibt Donalitius 36 lange Jahre bis zu seinem Tode 1780. Er predigt als Pfarrer deutsch und litauisch. Die litauischen Bauern seines Kirchdorfes schult er im Gartenbau und betätigt sich handwerklich und naturwissenschaftlich. Mit den Amtmännern des Königs streitet er um seine Pfarrländereien und um den Bau eines Witwenhauses. Anna Regina Donalitius überlebt ihren Mann um 18 Jahre und lebt bis zu ihrem Tode im erstrittenen Witwenhaus. Dem Leben seiner Scharwerksbauern hat Donalitius seine Versdichtung Metai gewidmet, die Jahreszeiten: „Freuden des Frühlings“, „Arbeiten des Sommers“, „Gaben des Herbstes“, „Sorgen des Winters“. Es sind Bilder in antiken Hexametern, entstanden vermutlich in den Jahren 1760 bis 1775; herausgegeben werden sie jedoch erst 38 Jahre nach dem Tode des Dichters. Donalitius schildert darin das Leben der preußisch-litauischen Bauern. Das ganze Jahr über arbeiten sie, kämpfen gegen Hunger und Kälte. Sie sind größtenteils arm und fromm und besuchen regelmäßig die Kirche; intensiv feiern sie die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens wie Hochzeit bzw. Taufe, wobei viel gegessen und getrunken wird. Sie kritisieren ihre deutschen „Herren“, gleichzeitig sind sie dem preußischen König treu ergeben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nur fünf Jahrzehnte nach Donalitius Tod, erstirbt in Tollmingkehmen das Litauische. Der Volkskundler und Slawist Fritz Tetzner erwähnt die Wirkungsstätte des Pfarrers Donalitius: „Als Beispiel sei Tolminkemen erwähnt, das ja seit einigen Jahrzehnten völlig germanisiert ist“, und nennt weitere Beispiele: „Zu Muldszen im Gerdauischen erlosch die litauische Predigt im vorigen Jahrhundert, ebenso in den Stranddörfern von Fischhausen und Königsberg-Land. Dasselbe Ereignis vollzog sich um 1890 zu Bailethen im Darkehmischen und zu Plibischken im Wehlauischen. Plibischken hatte um 1800 noch 1 000 litauische Kommunikanten. Im Gumbinnischen wurde 1883 zu Niebudszen das letzte Mal litauisch gepredigt.“ Im Kirchspiel Szittkehmen im Kreis Goldap sind im Jahre 1847 von 4 100 Bewohnern noch 1 163 Litauer.

Fritz Tetzner ermittelt für die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Südgrenze des Litauischen in Ostpreußen. „Es gehören also zum litauischen Sprachgebiet hinsichtlich der Kirchensprache vollständig die fünf Kreise Memel, Heydekrug, Tilsit, Ragnit, Niederung; teilweise aber die fünf Kreise Pillkallen (ohne Warningken!), Labiau Ost, Insterburg Nord, Stallupönen Nordost, Goldap Ost.“ 1910 zählen Statistiker noch knapp 100 000 Bürger litauischer Muttersprache. Nur in den Kreisen hinter der Memel gibt bei Befragungen noch etwa die Hälfte der Familienväter das Litauische als Haussprache an. Die Journalistin Ulla Lachauer: „Praktisch bedeutete das Zweisprachigkeit, zumindest in den zwei jüngeren Generationen, eine – wie man in Südtirol sagte – ‚lingua del cuore’ für drinnen und eine ‚lingua del pane’.“

Nach der Abtrennung des Memellandes 1919 bietet nur noch die evangelische Kirche dem Litauischen in Ostpreußen ein letztes Refugium. Ab 1919 werden in der Provinz litauische Gottesdienste regelmäßig noch in den Orten Tilsit, Pillkallen, Skaisgirren, Inse, Pokraken, Jurgaitschen und Ragnit abgehalten. Nach 1933 wird der litauische Gottesdienst auch dort eingestellt. Nur noch zu besonderen Anlässen wird in Tilsit und Ragnit bis 1944 auf Litauisch gesungen und gepredigt. Richard Pietsch stammt aus Nidden auf der Kurischen Nehrung und war als Letzter des Nehrungskurischen mächtig. Der sächsische Autor Jens Sparschuh hat im Jahr 2001 ein Radio-Feature über Richard Pietsch produziert: Der letzte Elch. Mit seinem Tod 2008 ist die kurische Sprache erloschen. Sie war das kleinste im Deutschen Kaiserreich gesprochene Idiom und wohl mehr ein lettischer Dialekt als eine eigene Sprache.

In seinen 1825 erscheinenden Nachrichten über die Kurische Nehrung berichtet der Kant-Schüler und -Biograph Reinhold Bernhard Jachmann, dass gleich hinter Cranz, an ihrem südlichen Ende, die Bewohner der Nehrung eine antiquierte Sprache sprechen: „In Sarkau fängt auch die kurische Sprache an und erstreckt sich über die ganze Nehrung, jedoch untermischt mit deutsch und littauisch, wodurch die Kultivirung der Einsassen sehr erschwert wird. Sie wird für ein Ueberbleibsel der altpreußischen Sprache gehalten.“ Der Jurist und Schriftsteller Louis Passarge bereist 1868 die Kurische Nehrung. Auch er weiß noch wenig von den Kuren und ihrer Sprache, sieht in ihr aber einen lettischen Dialekt. Schon damals ist der Assimilierungsdruck stark, die deutsche Sprachgrenze hat sich bis Pillkoppen vorgeschoben. Auch von Norden, von Sandkrug und von Schwarzort, nähert sich Deutsch als Hauptsprache der Mitte der Nehrung. Die Kuren passen sich nach Passarges Meinung zu willig allem Deutschen an: „Sie haben kaum ein Bewußtsein ihrer Nationalität und noch weniger das Verlangen, sie zu bewahren; das Deutsche vertritt ihnen die Kultur, die Vornehmheit; sie hören diese Sprache in den Städten. So lernen sie es gern und freudig.“ Für Passarge ist das Kurische dem Untergang geweiht, was er 1867 im Übrigen für die nahe Zukunft auch dem Litauischen in Preußen prophezeit. Da viele kurische Männer litauische Frauen aus den Haffdörfern heiraten, ist auf der Nehrung die Familiensprache oft nicht Kurisch und die Sprache wird deshalb im 20. Jahrhundert häufig nur noch von Männern gesprochen. Die meisten von ihnen sind Fischer in Nidden, Perwelk und Preis. Das Kurische wird von ihnen als derbe Fachsprache genutzt. Nur in einigen Dörfern in dem von 1923 bis 1939 litauischen Teil der Kurischen Nehrung wird von allen Familienmitgliedern noch Kurisch gesprochen.

Richard Pietsch, ihr letzter Sprecher, ist das vierte von fünf Kindern einer alten Niddener Fischerfamilie. Beide Eltern und die Fischer der Nachbarfamilien sprechen in seiner Kindheit und Jugend vorwiegend Kurisch. Der Journalist Henning Sietz in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Richard Pietsch: „Überall wurden die Kuren im Laufe der Jahrhunderte assimiliert, nur auf der einsamen Kurischen Nehrung konnten sie sich gegen die deutsche und die litauische Sprache behaupten. In den Nehrungsdörfern Nidden, Karwaiten und Kunzen lebten die meisten von ihnen, später auch in den neuen Dörfern Preil und Perwelk, wo fast alle Familien, wie sich Richard Pietsch erinnert, Kuren waren. Sie lebten auf einer Sprachinsel, von Kurland getrennt durch litauisches Gebiet“. Pietsch schätzt im Jahr 1982, dass in Nidden 139, in Preil 45, in Perwelk 30 sowie in Schwarzort 43 Familien am Ende des Zweiten Weltkriegs noch Kurisch sprachen.

Das Nehrungskurische ist ein Dialekt des Mittellettischen, in dessen livländischem Verbreitungsgebiet auch die heutige lettische Hochsprache entstanden ist. Die ursprünglich baltische Sprache Altkurisch hat sich früh an die lettische angelehnt. Die auf der Nehrung, um das Kurische Haff herum und im Memeldelta lebenden Kuren sind wohl im 16. Jahrhundert als Fischer aus Kurland eingewandert. Ihre Sprache unterliegt dann der raschen Veränderung, da sie viele litauische und deutsche Begriffe aufnimmt. Der Journalist Henning Sietz hat im Jahr 2002 Richard Pietsch in dessen Heidelberger Seniorenstift besucht und in seinem Artikel Nur Richard Pietsch beherrscht noch das Kurische in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf die zum Sterben verurteilte Sprache aufmerksam gemacht. „Lange zweifelte man, ob das Kurische überhaupt eine baltische Sprache sei. Man schob es als Dialekt zwischen den westbaltischen und ostbaltischen Sprachen hin und her, bis man sich auf die ostbaltische Gruppe einigte, einer gewissen Ähnlichkeit mit dem Lettischen wegen.

Andere sahen es als Übergangsdialekt zwischen der litauischen und der lettischen Sprache.“  Der in Münster lehrende Baltist Friedrich Scholz weist sie im Jahr 1982 eindeutig dem Lettischen zu: „Nach dem heutigen Stand der Forschung bildete das Kurische einmal eine selbständige baltische Sprache, die dem Lettischen wohl aber von Anfang an sehr nahe stand. Es hat sich im Lauf der Geschichte schon früh dem Lettischen in einem Maße angeglichen, daß es schon bald als eine lettische Dialektgruppe anzusehen war.“Die kurische Sprache hatte einen seltsam geheimnisvollen Klang. Henning Sietz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Wenn man Richard Pietsch zuhört, könnte man meinen, Kurisch habe etwas mit Kroatisch gemein. Baltische und slawische Sprachen sind zwar verwandt und in der baltoslawischen Familie des indogermanischen Sprachenraums zusammengefaßt, aber so eng ist die Verwandtschaft nicht. Der Grund könnte in den kurzen und langen Betonungen des Kurischen liegen, die auch mal aufwärts gerichtet sind oder abwärts schwingen: eine sehr musikalische Sprache.“ Sietz nennt ein Beispiel: „Hand heißt kurisch ‚ruoak’, lettisch ‚ruoka’, litauisch ‚ranka’, russisch ‚ruka’.“ Unabhängig von der staatlichen Zugehörigkeit zu Litauen betrachtet sich die ethnisch kurische Bevölkerung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als deutsch. Deshalb flüchtet nahezu die gesamte Bevölkerung der Nehrungs- und Haffdörfer Ende 1944 in Richtung Westen. Nicht wenige kommen bei Flucht, Vertreibung und Verschleppung nach 1945 um. Die wenigen auf dem litauischen Teil der Nehrung verbliebenen kurischen Fischer siedeln ab Mitte der 1950er Jahre in die Bundesrepublik und die DDR um. Hier gehen die Nachbarschaften und Familienzusammenhänge verloren, und mit den Alten stirbt die Sprache aus. In den litauischen Haffdörfern bleiben wenige Kuren zurück, die aber die Sprache nicht beherrschen und heute völlig an ihre litauische Nachbarschaft assimiliert sind.

Richard Pietsch stirbt im Sommer 2008 in Heidelberg. Seine Urne wird von seinem jüngsten Sohn nach Nidden überführt. Der letzte Kure wird neben seiner Mutter und seiner Großmutter, deren Grabeinfassungen kurisch hellblau gestrichen sind, bestattet. In Deutschland erinnern nur noch kurische Familiennamen wie Bojahr, Kur, Perkuhn, Sakuth, Schekahns und Sprie an sie.


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